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Schnapsidee wird zum Volltreffer


Die Verpflichtung von Irsen Latifovic war für die
SV Böblingen ein Kraftakt

Als lrsen Latifovic aus Böblingen 1990 auf Anraten eines Spielervermittlers seinen Vertrag beim VfB Stuttgart kündigte, träumte er von einer Profikarriere, vielleicht auch ein bisschen vom großen Geld. Doch schnell holte ihn die fußballerische Realität wieder ein. Am 14. Juli begann Verbandsliga-Neuling SV Böblingen mit dem Vorbereitungsprogramm auf die Saison 91/92. Dabei begrüßte Trainer Bernd Hoffmann den 21-Jährigen als einen von zwei echten Neuzugängen. Womit eine einjährige Odyssee vorläufig zu Ende war – und die SVB sich über einen hochkarätigen Stürmer freuen durfte. "Eine Glanznummer", freute sich Abteilungsleiter Fritz Aichele über die Verpflichtung von Irsen Latifovic, der seinerzeit in Böblingen mit dem Fußball spielen begonnen hatte.

Dass es überhaupt so weit kam, grenzt fast an ein Wunder. Einer der Garanten: Franz Brunner: Verlagsinhaber aus Böblingen. "Den Latifovic zurückzuholen, war eine fixe Idee, entsprang einer Bierlaune", erinnert er sich. Am nächsten Tag hatte er es bereits wieder vergessen, wurde aber plötzlich von allen Seiten darauf angesprochen. "Das ging rum wie ein Lauffeuer" - schließlich bis zu Fritz Aichele.

Und der ließ Franz Brunner fortan keine Ruhe mehr. "Er hat ein fach nicht lockergelassen, immer wieder nachgebohrt", so Brunner, "da habe ich halt ja gesagt". Seine weiteren Beweggründe: "Ich habe früher selbst Fußball gespielt, bin außerdem auch in der Sportwerbung tätig - und wollte einfach etwas für die SV Böblingen tun."

Ein finanzkräftiger Sponsor war also gefunden, ein erstes Vorgespräch mit dem Spieler selbst verlief positiv - der schwerste Teil des Transfers stand freilich noch bevor. Und der hatte einen Namen: Hans Hägele, Spielervermittler. Bei den Vereinen genoss der damals fast 50-Jährige einen recht guten Ruf, nicht umsonst räumte er jedes Jahr auf den Ersatzbänken von VfB Stuttgart und Bayern München auf. Bei manchen Fußballern war er dafür weniger gut angesehen - und Irsen Latifovic gehörte sicherlich dazu.
Nach seinem Weggang vom Brustring stand er auf Hägeles Lohnliste, absolvierte unter seiner Regie zahlreiche Probetrainings im In - und Ausland. "Es gab ständig Theater, er hat mich auch immer unter Druck gesetzt", so Latifovic eher vorsichtig ... Für mich war das eine wertvolle Erfahrung, noch einmal würde ich es nicht so machen." Krasser drückt es Franz Brunner aus: "Der reinste Menschenhandel!"

Bei einer Zusammenkunft im Flughafen-Hotel Echterdingen beschnupperten sich beide Parteien erst einmal. Hier Hans Hägele, dort Fritz Aichele und Franz Brunner. Der eine wollte möglichst viel Geld sehen, die anderen wenig bezahlen; Hägeles Angebot: "Ich kriege eine fünfstellige Leihgebühr, Böblingen bringt den Spieler in diesem einen Jahr körperlich wieder in Schuss, damit ich ihn nach Ablauf der Saison doch noch im Profilager unterbringen kann. Ein Gefallen für meinen Freund Bernd Hoffmann." Und mit erhobenem Zeigefinger: "Ich könnte den Latifovic sofort für 220 000 Mark an Lok Leipzig verkaufen, Jürgen Sunderland will ihn haben." Spätestens da wurden die SVB-Unterhändler hellhörig. Ein solch gutes "Geschäft" wollte sich einer wie Hans Hägele durch die Lappen gehen lassen? Da schaltete vor allem Franz Brunner auf stur: "Der Hägele sieht von mir keinen Pfennig, die Böblinger wären da doch nur die Gelackmeierten." Womit der Wechsel auf der Kippe stand, schließlich aber doch noch zustande kam. "Zu guten Konditionen", wie Sponsor Brunner versicherte. "Statt einer Leihgebühr hat er sämtliche Transferrechte abgetreten, bei einer Vermittlung ins Profi-Geschäft erhält Hägele lediglich noch eine Provision."

Und weil Franz Brunner kein Freund von halben Sachen ist, stellte er lrsen Latifovic gleich noch in seiner Firma an.

Womit Latifovic selbst auch wieder Land in Sicht habe, denn das vergangene Jahr war nicht sein allerbestes, in jeder Hinsicht. Das einzig Positive: Er kam weit herum in Sachen Fußball, hatte dazugelernt, war erfahrener geworden. Seine erste Station nach dem VfB war Zweitiliga-Aufsteiger Schweinfurt 05. ,Dort lief alles prima:' Eine Wohnung bekam er vermittelt, wurde auch schon eingekleidet - und verletzte sich dann an der Leiste. Schweinfurt machte einen Rückzieher, der Verein benötigte im Abstiegskampf sofort eine Verstärkung. Bei Hannover 96 schoss er zwei Tore in einem Tetsspiel gegen eine Amateurauswahl, wurde aber trotzdem nicht genommen. "Der Hagele hat damals sehr hoch gepokert, die Transfersumme für mich als damals 20-Jährigen hoch angesetzt." Und davor schreckten die Niedersachsen genauso zurück wie anschließend FC Freiburg. Begeistert war dafür Trainer Charly Mroskovom TSV Havelse. "Nach einem Tag wollte der mich schon nehmen",
so Latifovic. Sein Pech: Er zog sich einen Bänderriss zu. War damit erst ein mal auf Eis gelegt. Für mich der absolute Tiefpunkt,“ Die gute Form ging während der Verletzungsphase verloren., das Selbstvertrauen war angeknackst. Als er be Dynamo Dresden drei Wochen mittrainierte, brachte er keine Leistung („ich passte auch nicht in das System dort“). beim österreichischen Ertligisten Steyr zog man einen Brasilianer vor.

Das war`s - das Profi-Lager rückte in weite Ferne. Um fit zu bleiben, trainierte er beim damaligen Landesliga-Meister in spe, SV Böblingen, mit – und war angetan. „Ein Super-Stadion. ein Super-Trainer. Bernd Hoffmann kann mir weiterhelfen, ich habe selten einen besseren Coach gesehen.“ Und weil er auch mit den Spielern klarkam, War der nächste Schritt fast logisch: Warum sollte er auch nicht dort Fußball spielen, wo er trainierte? Die Schnapsidee reifte, nahm allmählich Konturen an – und wurde schließlich umgesetzt. Letzter Stolperstein: ein Anruf des 1. FC Pforzheim kurz vor dem 30. Juni.

"Selbst wenn die sich früher gemeldet hätten, wäre ich nicht dort hin gegangen", wollte Irsen Latifovic die Chance be im Schopfe packen, die ihm durch Franz Brunner bei der SV Böblingen geboten wurde. Sein Dank dafür: viele Tore.

 
 
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